Leid und Zwang

Schwere Erinnerungen an dunkle Zeiten.
Plötzlich weg von zu Hause.
An einem fremden Ort.
Ohne Eltern, ohne Geschwister.

Leid und Zwang

Schwere Erinnerungen an dunkle Zeiten.
Plötzlich weg von zu Hause.
An einem fremden Ort.
Ohne Eltern, ohne Geschwister.

Hunger und Erschöpfung. 
Schläge statt Liebe.
Ein Leben in Angst und Zwang.

Fremde Leute bestimmen.
Niemand fragt: Was willst du?

Schwarz-Weiss-Fotografie von zwei vermutlich älteren Frauen, die sich an der Hand halten. Es handelt sich dabei um eine Aufnahme aus dem Alters- und Pflegeheim in Utzigen, 1971/1972.
Zwei Frauen halten sich an den Händen, Alters- und Pflegeheim in Utzigen, 1971/1972. Bild: Werner Haug. Quelle: 1000.63.011, © Werner Haug / Fotostiftung Schweiz.

Was ist damals geschehen?

Es sind Erinnerungen an Leid und Zwang.
An damals, vor über 40 Jahren.

Kinder kamen in fremde Familien.
Manche mussten ins Heim gehen.
Manche mussten schwer arbeiten.
Auch Erwachsene haben Zwang erlebt. 

Heute bleiben schwere Erinnerungen zurück.
Die Betroffenen leiden noch heute darunter.

Wir wollen darüber reden.
Wir wollen daran erinnern.

Hier geht es um

  • Fremd-Platzierungen von Kindern
    Verding-Kinder , Kinder in Pflege-Familien, 
    ungewollte Adoptionen, Heimkinder
  • Zwangs-Massnahmen an Kindern und Erwachsenen
    Zwangsarbeit, Anstalt, Sterilisationen, 
    Medikamenten-Versuche, erzwungene Behandlungen

Erinnern für morgen

Wir wollen ihre Geschichte nicht vergessen.
Die Schweiz hat deshalb eine Kampagne gestartet.
Die Kampagne heisst erinnern für morgen.
Es gibt Aktionen in der ganzen Schweiz.
Mehr Infos hier.

Gute und schlechte Erinnerungen

Was haben die Menschen erlebt?
Manche hatten es gut bei den Pflege-Familien oder im Heim.
Sie sind glücklich aufgewachsen.
Sie behalten schöne Erinnerungen an diese Jahre.

Doch viele Betroffene haben Not und Leid erlebt.
Manche Kinder hatten Hunger
Sie sind ohne Liebe und Geborgenheit aufgewachsen.

Sie mussten im Hof und Haus mitarbeiten.
Sie waren von der schweren Arbeit erschöpft.
Sie hatten wenig Zeit zum Ausruhen und Spielen.
Sie konnten deshalb oft nicht zur Schule gehen.

Manche haben sexuelle Gewalt erlebt.
Manche wurden geschlagen.

Auch Erwachsene haben Zwang erlebt.
Sie konnten nicht frei über ihr Leben bestimmen.

Fremd-Platzierungen

Plötzlich an einem fremden Ort.
Sie waren Kinder oder Jugendliche.
Sie mussten weg von zu Hause.
Sie kamen ins Heim oder zu einer Pflege-Familie.

Man hat die Kinder nicht gefragt: Was willst du? 
Man hat die Eltern nicht gefragt: Was wollt ihr? 
Sie wurden einfach gezwungen.
Es ist vor über vierzig Jahren passiert.

Schwarz-Weiss-Fotografie eines kleinen Kindes, welches sich am Rockzipfel einer erwachsenen Frau festhlält. Es handelt sich dabei um ein Pflegekind und seine Pflegemutter, aufgenommen wurde das Bild von Walter Studer im Emmental, 1954. Im Hintergrund sind die Wände eines Holzhauses zu sehen, im Vordergrund steht ein Puppenwagen.
Ein Pflegekind hält sich an der Schürze der Pflegemutter, Emmental, 1954. Bild: Walter Studer. Quelle: 242162758 (RM), © Keystone sda.

Warum hat man das getan?

Der Grund war oft ein Problem in der Familie.
Zum Beispiel:
Die Eltern waren arm.
Der Vater war gestorben.
Eine Mutter wurde schwer krank.
Sie konnte sich nicht mehr um die Kinder kümmern.

Es gab auch andere Gründe:

  • Die Mutter oder der Vater hatten psychische Probleme.
  • Eine Frau war eine ledige Mutter.
  • Ein Jugendlicher hatte eine Behinderung.
  • Die Eltern waren Jenische oder Sinti.

Man wollte keine Armut.
Deshalb hat jemand anders für sie entschieden:
jemand von der Fürsorge oder von der Gemeinde.
Oder jemand von der Kirche.

Zwangs-Massnahmen

Zwangs-Massnahmen haben viel Leid verursacht.
Das Wort bedeutet: Man hat jemanden zu etwas gezwungen.

  • Zwangs-Arbeit (zum Teil ohne Lohn)
  • Ärztliche Behandlungen
  • Operationen (Sterilisationen)
  • Medikamenten-Tests
  • Einweisung in eine Psychiatrie
  • Einweisung in eine Anstalt

Es ist vor über vierzig Jahren passiert.

Schwarz-Weiss-Fotografie junger Frauen in Sonntagskleidung bei der Feldarbeit im Erziehungsheim Loveresse (BE). Das Bild stammt aus den Fotoalben der Direktion des Armenwesens des Kantons Bern und wurde an der Landesausstellung 1914 in Bern ausgestellt.
Mädchen und junge Frauen müssen auf dem Feld arbeiten, Loveresse, vor 1914. Quelle: Staatsarchiv des Kantons Bern, StABE T.1091, Band 2, Bildnummer 79.

Die Beispiele  zeigen es:

Ein Junge kam mit 9 Jahren auf einen Bauernhof.
Dort lebte er als Verding-Kind bei einer Pflege-Familie. 
Der Junge musste jeden Tag schwer arbeiten:
Kühe melken, ausmisten usw.
Er verpasste deshalb oft den Schul-Unterricht.
Er hatte oft Hunger.

Ein Mädchen wurde mit 15 schwanger.
Man hat ihr gesagt:
Wir machen eine Untersuchung im Spital.
Dort haben die Ärzte das Baby abgetrieben.
Man hat das Mädchen vorher nicht gefragt:
«Bist du einverstanden?».

Eine Mutter hat man von den Kindern getrennt.
Weil die Familie jenisch war.
Die Kinder kamen ins Heim.
Man hat die Mutter dazu gezwungen.

Ein Mann wurde in eine Anstalt gesperrt.
Weil er arbeitslos war.

Es gab viele weitere Zwangs-Massnahmen.
Unter den Opfern sind auch Menschen mit einer Behinderung.

Wer war betroffen?

Wer hat vor über vierzig Jahren Fremd-Platzierungen 
und Zwangs-Massnahmen erlebt?
Die Opfer waren

  • Kinder und Jugendliche
  • Ledige Mütter
  • Erwachsene
  • Menschen mit einer Behinderung
  • Jenische und Sinti
  • Minderheiten (Personen aus dem Ausland)

Auch die Familien dieser Personen haben gelitten.

Schwarz-Weiss-Fotografie einer Frau mit Kind vor einem Wohnwagen. Das Kind ist im Kinderwagen. Im Hintergrund ist Wäsche am Trocknen, im Vordergrund steht ein kleiner Tisch mit einem Blumenstrauss.
Eine jenische Frau mit einem Kinderwagen, um 1930. Bild: Hans Staub. Quelle: 1978.999.559, © Hans Staub / Fotostiftung Schweiz.

Warum hat man das nicht gestoppt?

Die Opfer haben viel Leid erfahren.
Es waren viele Personen beteiligt:
Die Behörden, die Gemeinde.
Die Kirche, die Nachbarn, Verwandte usw.

Warum hat niemand geholfen?
Heute verstehen wir, warum.
Denn die Beteiligten dachten insgeheim:

  • «Dieses Kind soll doch froh sein.
    Jemand nimmt es bei sich auf.
    Dann soll es auch etwas leisten.»
  • «Dieser Junge ist nichts wert.»
  • «Diese Frau ist eine Schande.»
  • «Diese fremde Gruppe soll verschwinden.»

Es gab damals strenge Vorstellungen darüber,
was richtig und was falsch war. 
Eine strenge Ordnung und Moral waren wichtig.

Wer hat das entschieden?

Die Fürsorge hat viele Massnahmen getroffen.

Die Fürsorge hatte früher ähnliche Aufgaben 
wie heute das Sozial-Amt oder die Gemeinde.

Viele waren beteiligt:
Behörden und Heime.
Auch Vereine und die Kirche.

Sogar Unternehmen waren beteiligt:
Manche Opfer mussten in Fabriken arbeiten.
Sie bekamen wenig oder keinen Lohn 
und später weniger AHV.

Die Schwarz-Weiss-Fotografie zeigt eine winterliche Szene vor einem Gebäude, vermutlich einer Institution für jenische Kinder. Im Vordergrund ist ein Kind zu sehen, das in einem Mantel und einer Haube bekleidet auf ein geöffnetes Tor zugeht. Hinter dem Kind gehen Dr. Alfred Siegfried, bekleidet mit Hut und Mantel sowie zwei weitere Kinder in Richtung des Gebäudes. Der Boden ist mit Schnee bedeckt, und das Tor öffnet sich zu einem Hof mit einem mehrstöckigen Haus im Hintergrund.
Jenische Kinder werden zu einem Heim geführt, 1953. Bild: Hans Staub. Quelle: Inventar-Nr.: 1978.999.346. © Hans Staub, Fotostiftung Schweiz.

Wann war das?

Diese Dinge sind vor 1981 passiert. 
Dann hat sich etwas geändert.
Die Schweiz hat eine Vereinbarung unterschrieben:
Die Europäische Menschenrechts-Konvention 

Und heute?

Die Opfer und ihre Familien haben schwierige Dinge erlebt.
Das wirkt sich noch heute auf ihr Leben aus.
Hier erfahren Sie mehr: Wie ist es heute?

Solidarität mit den Opfern

Die Schweiz sagt: Wir fühlen mit.
Wir zeigen Solidarität.
Wir bezahlen den Opfern einen Beitrag.